Meine Zeit als Pan – ein Bericht aus dem Rundbrief 2016

Kaspar, der Pan

Kinder, Kinder, Kinder. Was gibt es Schöneres, als das fröhliche Funkeln in großen Kinderaugen, das frohlockende Geschrei aus jungen Kehlen, das zufrieden-verträumte Reiben der Augen nach einer Gute-Nacht-Geschichte, bereit und absolut nicht willig, ins Bett zu gehen. Ich hatte das Glück, in der vergangenen Saison als Kinderanimateur im Störrischen Esel arbeiten zu können und so schnell die Zeit auch verflog, so habe ich mir doch einige Anekdoten gemerkt und beibehalten, von denen ich hier berichten möchte.

Das Wort „Kinderanimateur“ mag ich eigentlich gar nicht. Kinder ja, absolut – aber animieren? Wozu solch clevere, fantasievolle und kreative Wesen zu etwas animieren? Sie bringen doch schon so viel mit! Wozu malen, wenn sie basteln wollen? Warum Musik machen, wenn sie Theaterspielen mehr erfüllt? Und mal ehrlich, Waldmonster sind doch viel cooler als Blütenbilder! Jedes Kind hat seine eigene Vorstellung von Spaß und verfügt über eigene Talente, Wünsche und Vorstellungen von einem schönen Urlaub. So versuchte ich, die Kinder da abzuholen, wo sie gerade standen und das habe ich in Dankbarkeit und Lachfalten zurückbekommen.

Diese kleinen Räuber bringen schon so viel Begeisterung und Engagement, vor allem aber die Fähigkeit zum Staunen mit, die ich nutzen wollte. Am Anfang meiner Zeit im Feriendorf hatte ich drei fitte Mädels da, von denen eine, eine begnadete Hip-Hop-Tänzerin war. Sie brachte die Moves und die Musik mit, und alle drei eine unglaubliche Beharrlichkeit. Den ganzen Tag probten wir, sicher sieben Stunden, um am Ende der tobenden Menge zu gefallen. Man braucht Kinder nicht zu animieren, ich wollte, dass sie das machen konnten, was sie machen wollten – und für diese ganz individuellen Projekte war ich da, um ihnen zu helfen, sich zu verwirklichen. Wo schon eine Begeisterung, da braucht es keine Animation.

Darüber hinaus strotzen die kleinen Berserker nur so von Kreativität. Ich habe mir für die Zeit mit den Kindern eine Handpuppe gekauft und wollte mit meinen kleinen Räubern zusammen diesen Charakter des Monster Mos weiterspinnen. Doch lange traute ich mich nicht, einfach weil ich mir nicht sicher war, ob die Kiddies das kleine Tierchen denn mögen würden. Eines Tages wagte ich ein Experiment. Es war mal wieder Thementag rund um das große Disney-Universum, und während meine Kolleginnen ein Quiz mit den Kiddies machten, fand ich einen großen runden Stein, nahm ihn auf den Arm und begann ihn zu streicheln. Immer mehr Kinder sahen, was ich tat, und während die Quizmaster sich verzweifelt die Stirnen rieben, was mir schon wieder für ein Quatsch eingefallen war, umringten die Kinder mich Stück für Stück, um herauszufinden, wer denn der Herr Stein sei. Er mag es sehr, gestreichelt zu werden, am liebsten Hinter den Ohren, meinte ich. Schon waren die Kinder damit beschäftigt, herauszufinden, wo bei dem Stein denn die Ohren seien. Je nachdem, wie laut der Stein schnurrte und wackelte, umso näher waren sie bei den Ohren.

Doch ist so eine kleine Räuberbande auch voll von Liebe und Zuversicht und verteilt sie, wo immer sie können. Dies führte zu einem der berührendsten Momente, die mir je vergönnt waren. Mein Programm geht meistens erst nach dem Frühstück, gegen zehn Uhr, los. Doch an jenem sonnigen Morgen standen bereits eine halbe Stunde vor Beginn zwei Mädels direkt vor meinem Bungalow, ein gefaltetes Stück Papier in den Händen tragend. Ich, noch völlig verpennt, gerade erst aus dem Bett gerollt und der Dusche entstiegen, öffnete auf lautes, aufgeregtes Klopfen und Rufen die Tür. Langsam falteten sie die Seite auseinander und darin lag ein kleiner Nestling, ein Jungvogel, unfähig zu piepen, zu fliegen oder zu laufen. Noch blutjung, die Haut faltig und transparent, sodass man die Organe sah, die Augen zu und verklebt, so versuchte er, nach seiner Mama zu rufen doch kein Laut entsprang seinem kleinen, weichen Schnabel.

So wurde aus dem geplanten Piratentag ein Vogeltag. Wir lasen im Internet und der Bibliothek, bauten ihm ein kleines, enges Nest, sodass die Flügel richtig wachsen konnten, wärmten ihn mit einer Wärmflasche, gruben den Kompost um, auf der Suche nach kleinen Insekten und Würmern, fütterten ihn damit, und führten ihn mit einer Pipette Wasser zu. Nicht zu laut, ganz vorsichtig, aus Angst, der Kleine könnte einem Herzinfarkt erliegen. Er aß, er trank, doch noch vor dem Mittagessen war er tot. Die Kinder draußen verteilten Flyer auf der Suche nach Tierärzten, suchten Insekten und durchforsteten das Internet nach Tipps zur Vogelpflege. Und ich saß da, in der kleinen Kammer der Villa Kunterbunt und hielt das junge, erloschene Leben in meinen Händen. Was sollte ich tun? Den Kindern den Schmerz nehmen und behaupten, die Mutter habe es geholt oder ehrlich sein und ungewollt Traurigkeit verbreiten, ihnen doch aber einen Denkanstoß über die Endlichkeit allen Seins geben, so jung die Kleinen auch waren?

Ich entschied mich für Zweites. Ich brachte es nicht übers Herz, ihre Fürsorge mit einer Lüge zu entlohnen. Wir begruben das Tier und noch bevor ich die Schaufel aus der Hand legen konnte, klaubte mir eine kleine Kinderhand den Hut vom Kopf. Ich sprach einige Worte und es ward still um uns. Ehrliche Trauer überkam einen jeden und lang war es ruhig um die kleine Gruppe die da stand, fixiert auf das improvisierte Kreuz um unserem kleinen Räuber, wie die Kinder ihn getauft hatten, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Unfähig zu sprechen, brach unsere kleine Gemeinschaft mit einem Mal auseinander und ein jedes Kind verteilte sich, zupfte Blumen, flocht Kränze und legte sie auf das kleine Grab des Tieres, welches uns so kurz begleitet hatte, vollkommen still, in „lautem Schweigen“, jeder ganz bei sich. Noch heute schaudert es mich und die Tränen steigen auf in mir. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Wir zogen uns zurück in die Villa und die Kinder suchten sich Steine, um sie zu bemalen und dem kleinen Räuber mit auf den Weg zu geben, wohin auch immer. Kein Kind, dass nicht berührt war, keines, was sich nicht mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzte an diesem Tag. Doch vor allem bestand mein Alltag natürlich aus Lebensfreude und einer Menge Quatsch.

Einer der großartigsten Programmpunkte war unsere Zeitung. Einmal die Woche arbeiteten wir als kleine Kinderredaktion eine Zeitung aus, suchten uns Themen, schrieben Berichte, interviewten spannende Mitarbeiter und malten dazu Bilder. Den Kindern etwas mitzugeben, an dem sie alle gearbeitet hatten, gemeinsam, etwas, dass sie an die Zeit im Esel erinnert. Es hat großartig funktioniert. Von Kurzgeschichte über Witzseiten, von Rätselbögen bis hin zu ganzen Umfragen. Die Zeitung verkaufte sich natürlich „wie Bolle“ und auch das übernahmen die Kinder. Von den Erlösen gingen wir jeden Samstag zusammen ein riesen Eis essen. In der Zeit, in der leider keine Ferien waren und nur sehr kleine Kinder mich in der Villa besuchten, gestaltete sich das mit der Zeitung natürlich als schwierig, doch wichtig blieb, dass die Kiddies etwas haben, was sie aus dem Urlaub mitnehmen können, mehr als nur die eigenen Bilder, sondern eben etwas, an dem sie gemeinsam gearbeitet hatten. Hier schrieb ich selbst einige Kindergeschichten, meine kleinen Räuber illustrierten sie und so hatte jeder der Kleinen am Ende der Woche ein eigenes, neues Kinderbuch.

In meiner Zeit unter den Kleinsten von uns habe ich sehr viel gelernt – ich bin in dieser Saison hier zum „Pan“, einem Räuberhauptmann einer Räuberbande, geworden und wir haben die spannendsten Abenteuer erlebt. Wir fanden Schätze und bestritten Wettkämpfe, haben mit eigenen Traumfängern böse Träume abgewehrt und unsere Zauberprüfungen abgelegt. Mit unserer Zeitung haben wir das, was uns gerade bewegte „unters Volk gebracht“ und haben mit unserem Können und unserer Leidenschaft ein ganzes Publikum begeistert. Ich merke, wie ich selbst wieder zum Kind geworden bin. So viel Blödsinn wie in den letzten Wochen kam mir selten in die Hirnwindungen und in einer längeren Besprechung mit den Chefs wird mir schon nach kurzer Zeit dermaßen langweilig, dass ich mir irgendwas zum Spielen suchen muss, ein Ball, eine Büroklammer oder irgendetwas, um Quatsch zu machen. Na, das mit dem Studium kann ja lustig werden…

Kaspar v. Oppen,
Kinderanimateur

Kaspar, der Pan